Kaspar und der Hypnotiseur
Kaspar und der Hypnotiseur treffen im Weihnachtszirkus einen Pastor und kommen gemeinsamen bis zum Rand des Trapezes. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. (Titel frei nach Peter H.)
Für dieses Jahr hatte ich die letzten Unterrichtstage am Bib International College in Paderborn. Das Bib ist ähnlich wie eine private Berufsschule organisiert und dementsprechend werden die jungen Menschen, die dort lernen, Schüler und Schülerinnen genannt. Unabhängig des zu erreichenden Abschlusses, gefällt mir die Bezeichnung Studierende besser. Sie impliziert das freiwillige und selbstorganisierte Lernen – und ebenso die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Lernenden und Lehrenden.
Gemeinsam also betreten wir die Arena und in meiner Aufgabe als Dozent führe ich durch den Zirkus. Mein Kostüm: Kaspar und Hypnotiseur in einer Rolle. Ich motiviere und leite an, ich entführe in die große, mediale Welt - hier ist die Zirkuskuppel, da stehen die Tiere, eine Eintrittskarte kostet soundsoviel und in der Garderobe wird geschminkt. Die Artistinnen von heute bestaunen wir, feixen über die vergangene Schaustellkunst, wagen uns bis ans Trapez und hüpfen am Rand selbst etwas rum, versuchen eine Nummer mit Reifen und Feuer, die missglückt. „Spannend muss es sein“, ist mein Anspruch, „anwendbar, nachvollziehbar und persönlich, akrobatisch alle Bereiche der Kommunikation und Kunst ineinander verknotet.“ Wenn die Hypnose gelingt, bin ich zufrieden. Wenn die Studierenden Spaß haben, macht mich das froh – und müde.
Das ist der Augenblick, wenn aus dem Zirkus ein Spiegelkabinett wird. Zu Weihnachten lässt es sich nicht vermeiden, dass dann der Pastor auftritt. Nichts genügt ihm, nichts gefällt ihm an der Show. „Etwas zu wissen ist eine Illusion, etwas zu können, kann sich ändern“, proklamiert er. „Das hier ist alles nur ein großer Zirkus.“ Etwas Verwirrung macht sich unter den Studierenden breit. Einige Buh-Rufe tönen aus dem Publikum. Unbeirrt fährt der Pastor fort: „Ihr sollt alles schon ernst nehmen und euch sollt ihr natürlich auch ernst nehmen. Und wenn ihr etwas macht, dann macht es voll und ganz. Ihr macht es und verfolgt damit ein Ziel. Der Rest muss euch nicht kümmern. Die Welt ist wahnsinnig.“ Der Pastor holt Luft, denkt wahrscheinlich an seine Mission, in der Nähe eines buddhistischen Zentrums in Vietnam. „Nehmt euch nicht zu ernst,“ predigt er, „und wenn ihr nicht weiterkommt, dann nehmt einen anderen Weg. Ihr müsst nicht alles können. Wenn etwas nicht gelingt, dann ist das auch nicht so schlimm. Ihr gebt einfach immer alles und nehmt alles nicht zu ernst.“
Schweigen und eine gewisse Ratlosigkeit unter der Zirkuskuppel. Dann zaghafter Applaus. Dem Kaspar in mir schießt die Schamesröte in den Kopf. Mein Hypnotiseur ist auf einem Nagelbrett eingeschlafen. Ein Zirkusdirektor schiebt den Pastor aus der Arena und kündigt eine Raubtiernummer an. Die Studierenden freuen sich auf ihre Weihnachtsferien - und ich muss mir eingestehen, „Recht hat er, der Pastor.“