Analyse eines Lebkuchens
Wenn du an nichts glaubst, was glaubst du dann? Religion ist moralisch, Humanismus kennt Pflichten. Von einer natürlichen Weltordnung zu sprechen bedeutet, dass es kein Gut und Böse gibt. Alles als absurd zu bezeichnen, ist das Eingeständnis, nichts zu verstehen.
Bleiben also nur die gelebten Momente, oder? In ihrer Aneinanderreihung und als Fragmente. Wo oder was ist der Moment selbst, wenn ich ihn wahrnehme, dabei bin, mich beobachte und ihn durchlebe?
Meine Mutter sitzt auf ihrem Sofa, über ihr die gerahmten Landschaftsbilder, vor ihr der runde Tisch, der Teller mit Lebkuchen und Gebäck. Abenddämmerung, Kerzen brennen, es ist angenehm warm im Zimmer, sogar das Tannenreisig duftet. Ein Moment, wie aus einem Bilderbuch, doppelt aus der Zeit gefallen. Wir hatten kurz zuvor Tee getrunken, zum Abschied. „Russisch“, hatte ich gedacht. Ich umarme die gebrechliche, kleine Frau, weiß, wie traurig sie über mein Gehen ist, denn ich bin es auch. „Ich hab Dich lieb, meine Mutti“, sage ich und füge, um die melancholische Abschiedsstimmung aufzulockern, hinzu: „Wir sehen uns ja bald wieder.“ Ich bin mir dabei nicht sicher und meine Mutter wohl auch nicht. Sie ist 85 Jahre alt.
Also: Wo oder was ist dieser Moment, den ich eben wahrnehme und durchlebe? Ich kann nun diesen Moment nehmen und ihn mit allen mir bekannten Mitteln des menschlichen Wissens, Bewusstseins und Fühlens anschauen oder zerlegen: Philosophisch, soziologisch, psychologisch, auch erbarmungslos naturwissenschaftlich. Ich kann von den Sprach- und Denkmustern her kommen und ihn analysieren, ihn über Verhaltensweisen, Prägung, kognitive Voreinstellungen dekonstruieren oder durch kulturelle und evolutionsbiologische Entwicklungen betrachten. Ich kann alles als große Illusion und Selbsttäuschung entlarven. Ich kann mich ins Metaphysische flüchten, ich kann Gott, Karma, Wunder oder Resonanz anführen, um eine Erklärung zu finden. Ich kann den Moment phänomenologisch beschreiben.
(Ich kann auch beispielsweise mit der Analyse eines Lebkuchens beginnen und stoße auf die gleichen Probleme. Was ist eigentlich ein Lebkuchen? Ich kann ihn zerteilen oder in Bezug zu seiner Herstellung oder Tradition setzen, ich kann reinbeißen, den Geschmack mögen, Sättigung verspüren etc. etc.) Ob Lebkuchen oder Moment, am Ende bleiben wir ratlos zurück. Wenn alles möglich ist, hat nichts Bedeutung. Das ist es, was wir mit all unseren Fähigkeiten erreicht haben: Bedeutungslosigkeit.
Jetzt könnte ich mich weiter verstricken und in der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz verlieren. Außen vor sind die Menschen, die sowieso über nichts nachdenken. Also, wo oder was ist der Moment?
Die Antwort darauf ist einfach: Der Moment ist immer hier und dort zugleich. Er ist, er war. Ich bin immer hier und dort zugleich. Ich bin, ich war. In einer mathematischen Gleichung ausgedrückt: 1 + 1 = 2 + 1.
Bleibe immer offen für Neues.